Chinesischer Dissident zu Gefängnis verurteilt
Chinas Umgang mit Systemkritikern
Die Haftstrafe gegen den Aktivisten Tan Zuoren «zeigt einmal mehr, dass das chinesische System überhaupt nicht umgehen kann mit Skandalen». Ostasien-Korrespondent Urs Morf sieht im Urteil ein Beispiel dafür, wie in China Kritiker mundtot gemacht werden, weil sie angeblich das Image von China schädigen und die Staatsgewalt untergraben. Mehr
Der chinesische Aktivist Tan Zuoren, der den durch Baupfusch verursachten Tod von tausenden Schulkindern während des Erdbebens in Sichuan untersucht hatte, muss fünf Jahre ins Gefängnis.
Ein Gericht in der Provinzhauptstadt Chengdu verurteilte den 55-Jährigen wegen des Vorwurfs der «Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt.»
Urteil wegen Aufruf zu Blutspenden
Laut Angaben seines Anwalts bezog sich die Anklage nicht auf Tan Zuorens Ermittlungen im Erdbebengebiet, sondern auf von ihm veröffentlichte Artikel über die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989. Tan Zuoren hatte dazu aufgerufen, mit Blutspenden an den Jahrestag des Massakers vom 4. Juni 1989 zu erinnern.
Der Anwalt wies darauf hin, das Urteil wegen angeblicher Subversion habe keine Rechtsgrundlage. Das Gedenken an das Massaker liege vollständig im Rahmen der freien Meinungsäusserung.
Recherchen über Erdbebentote wegen Baumängeln
Nach dem verheerenden Erdbeben mit 87'000 Toten im Mai 2008 in Südwestchina hatte Tan Zuoren monatelang im Erdbebengebiet Nachforschungen angestellt, warum so viele Schulen eingestürzt waren, während benachbarte Gebäude den Erdstössen standgehalten hatten.
Auch ausländische Experten hatten eklatante Baumängel bei zerstörten Schulen festgestellt. Angehörige von Erdbebenopfern hatten damals Korruptionsvorwürfe gegen die zuständigen Bauverantwortlichen erhoben.
Gegen den Widerstand lokaler Behörden wollte Tan Zuoren die Wahrheit an den Tag bringen, wurde aber im März 2009 festgenommen. Tan Zuoren kooperierte auch mit dem international renommierten Künstler Ai Weiwei, der die Namen von mehr als 5000 beim Erdbeben getöteten Schulkindern dokumentiert hat. (jwi, dpa/reuters/afp)
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